Das Bundesministerium für Finanzen hält die Liste der digitalsteuerpflichtigen Unternehmen unter Verschluss. Wir haben eine probabilistische Rekonstruktion aus Börsenberichten, EU-Beihilfeverfahren und Marktdaten gemacht und zeigen, wer mit hoher Wahrscheinlichkeit dabei ist – und warum ein Viertel fast nichts zahlt.
Zuletzt war an dieser Stelle von einer Black Box die Rede. 2,74 Milliarden Euro, die die großen Plattformen 2025 mit ausgespielter Werbung an österreichische User vereinnahmten, dokumentiert durch 137 Millionen Euro Steueraufkommen, geleistet von 65 Unternehmen. Das wissen wir vom Finanzministerium, das sich jedoch jeder weiteren Antwort verweigert und auf Steuergeheimnis, Aufbereitungsaufwand oder – wie im zuletzt eingebrachten Begehren – auf die Position außenpolitischer Rücksichtnahme zurückzieht.
Diese Liste, die das Ministerium nicht freigibt, lässt sich trotzdem in weiten Teilen rekonstruieren. Nicht mit Gewissheit, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit für die ökonomisch relevanten Namen – und das sind nicht viele.
Was im Gesetz steht, steht auch in den Bilanzen
Die Schwelle ist bekannt: § 2 DiStG 2020 verlangt einen weltweiten Konzernumsatz ab 750 Millionen Euro und einen österreichischen Online-Werbeumsatz ab 25 Millionen Euro. Beide Kriterien sind prüfbar. Für die großen Plattformen liefern Google, Meta und TikTok selbst belastbare Evidenz durch ihre Veröffentlichungspflichten. Der österreichische Werbeumsatz lässt sich über die MOMENTUM Digital Spendings Studie, Reichweitenzahlen sowie Angaben der Werbenden plausibilisieren. Das Ergebnis ist eine Staffelung nach Wahrscheinlichkeit
Wahrscheinlichkeit nahe 100 Prozent: Sieben bis neun Entitäten, 98 Prozent des Aufkommens
Das oberste Quartil der BMF-Verteilung – Steuerlast über 150.000 Euro im Jahr – ist rechnerisch fast vollständig besetzt durch die üblichen Verdächtigen. Google Ireland Limited bündelt alle EU-Werbeprodukte von Alphabet: Search, Display, YouTube, Ad Manager, AdSense, DV360. Eine Entität für den gesamten Konzern. Meta Platforms Ireland Limited trägt Facebook, Instagram, WhatsApp Business und das Audience Network. Bei TikTok Technology Limited in Dublin dasselbe Bild: ein irisches Werbevehikel für EMEA.
Interessant wird es bei Amazon und Microsoft – den zwei dokumentierten Ausnahmen vom Ein-Entität-Prinzip. Amazon betreibt sein europäisches Werbegeschäft in zwei eigenständigen luxemburgischen Gesellschaften: Amazon Media EU Sàrl für das klassische Advertising (Sponsored Products, Prime Video Ads, Amazon DSP) und Amazon EU Sàrl für das Retail-Media-Geschäft auf ihren Plattformen wie amazon.de. Microsoft ist ebenfalls mit zwei juristischen Personen am Markt unterwegs: Microsoft Ireland Operations Limited (Bing Ads, Microsoft Advertising, Xandr DSP) und LinkedIn Ireland Unlimited Company.
Dazu kommen Apple Distribution International Ltd (Search Ads, App Store Ads) und Snap Group Limited als Grenzfall über der Schwelle.
Schätzt man die österreich-relevanten Werbeumsätze konservativ – Google gesamt 1,4 bis 1,7 Milliarden, Meta rund 700 Millionen, TikTok 100 bis 150 Millionen, Amazon Advertising rund 330 Millionen plus Retail Media auf amazon.de mit 50 bis 100 Millionen, Microsoft und LinkedIn zusammen 110 bis 160 Millionen – ergibt sich ein Bild, das mit der amtlich bekannten Aufkommensverteilung kompatibel ist: Sieben bis neun juristische Personen, die den Löwenanteil der 137 Millionen tragen. Der Rest ist dann Longtail.
Hohe Wahrscheinlichkeit: Die Intermediäre, die kaum etwas zahlen
Der Grund, warum im untersten Quartil ein Viertel der Steuerpflichtigen weniger als 6.000 Euro Digitalsteuer abführt, liegt in § 3 Abs. 2 DiStG. Vorleistungen konzernfremder Online-Werbeleister dürfen abgezogen werden. Wer Umsätze hauptsächlich durchreicht, zahlt auf sehr kleine Nettobeträge. Das ist das Betätigungsfeld der Ad-Tech-Infrastrukturanbieter.
The Trade Desk, der weltweit größte unabhängige DSP. Criteo, stark im Retargeting und in der Commerce-Media-Integration österreichischer Händler. Taboola und Outbrain/Teads mit Native-Advertising-Integrationen direkt bei Publishern wie kurier.at und derstandard.at. Magnite, PubMatic und Index Exchange als die drei dominanten unabhängigen SSPs. RTB House als europäischer Retargeting-Spezialist. Adobe Advertising Cloud, Yahoo DSP, Spotify mit seinem wachsenden Audio- und Podcast-Werbegeschäft. Pinterest Europe Ltd in Dublin. Und Netflix mit seinem werbefinanzierten Angebot, das sehr wahrscheinlich über Netflix International B.V. in Amsterdam abgerechnet wird.
Mittlere Wahrscheinlichkeit: Die europäischen Medienhäuser und die Grenzfälle
In dieser Staffel tauchen die deutschsprachigen Großverlage auf, deren digitale Werbegeschäfte die 25-Millionen-Schwelle in Österreich erreichen und die die globale Schwelle von 750 Millionen Euro Konzernumsatz überschreiten. Bertelsmann mit RTL und AdAlliance. ProSiebenSat.1 mit Joyn, Sat.1 Österreich und der Programmatic-Tochter Virtual Minds. Axel Springer mit AWIN, dem weltweit größten Affiliate-Netzwerk (vormals Zanox). BurdaForward. Ringier. Dazu X/Twitter, weiterhin über Twitter International Unlimited Company in Dublin – wenngleich die österreichischen Werbeumsätze seit der Musk-Übernahme rückläufig sind. Und eine Reihe spezialisierter Ad-Tech-Player: TripleLift, Equativ (ex Smart AdServer), Perion/Undertone, InMobi, OpenX, Adform. Ob jeder einzelne davon die Schwelle in 2025 überschritt, ist das Ungewisse. Das Ministerium hat dazu die Antwort.
Was bleibt – und was beim BMF liegt
Die hier skizzierte Staffelung ist Marktanalyse. Sie arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten. Ganz oben ist die Wahrscheinlichkeit nahe hundert – wer unter diesen Namen nicht digitalsteuerpflichtig wäre, würde schwer zu erklären sein. Darunter fallen einzelne Zuordnungen unsicher aus. An den Rändern ist es vage. Genau dort, wo wir vage bleiben müssen, läge der Wert einer namentlichen Liste.
Der Unterschied zwischen unserer Marktanalyse und der Liste im BMF ist, um es mit seinen Worten vom Juni 2025 zu sagen, zwei Stunden Arbeit.














