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FH St. Pölten Campus

FH St. Pölten Jahrestagung: Kommunikationsportale aus Sicht der Medienethik

Filterblasen und Echokammern können dazu führen, dass Menschen nur noch gewisse Informationen zugespielt bekommen und deshalb ein einseitiges Bild von gesellschaftlichen Problemen entwickeln. MedienethikerInnen sehen Bedarf nach einer Regulation.

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Wer online welche Beiträge sieht, entscheiden Plattformen oft nach ihrer eigenen Logik und folgen dabei bestimmten Zielen und ihren Geschäftsinteressen. „Dies lässt befürchten, dass Kommunikationsprozesse zu einem problematischen Maß durch Eigeninteressen der jeweiligen Gatekeeper bestimmt werden“, sagt Michael Litschka, Medienethiker und Leiter der Forschungsgruppe Media Business an der FH St. Pölten.

Neue Kommunikationsformen, neue Verantwortung

Digitale Massenkommunikation bringt ethisch problematische Auswirkungen und neue Verantwortungen seitens der PlattformbetreiberInnen und NutzerInnen mit sich. „Virtuelle Echokammern, in Windeseile verbreitete Falschinformationen: Die Lügenindustrie rüstet digital immer weiter auf. Befeuert von den Algorithmen der Plattformen und deren Interesse, die User immer stärker in ihrem Ökosystem zu halten, kann das zu einer ernstzunehmenden Gefahr für Demokratien werden. Gleichzeitig tragen Social Media-Portale dazu bei, dass sich Menschen vernetzen, Proteste organisieren können. Es braucht also Gesetze, die den goldenen Mittelweg finden, die Gutes zulassen und Schlechtes bestmöglich ausmerzen“, erklärt Nana Siebert, stellvertretende Chefredakteurin der Tageszeitung „Der Standard“.

Regulation für Monopole und Digitalgiganten

Christian Fuchs, Leiter der Forschungsgruppe für Mediensysteme und Medienorganisation an der Universität Paderborn, fordert politische Ansätze, die nicht Markt und Kommerz in den Vordergrund stellen, sondern eine gemeinwohlorientierte Digitalisierung. „Der digitale Kapitalismus ist gekennzeichnet durch Probleme wie die Monopole der Digitalgiganten, Fake News, eine Kultur der Postfaktizität, Verschwörungstheorien im Internet, digitalen Faschismus und Demagogie im Internet, digitale Kriegsführung mit Drohnen und Cyberattacken, algorithmische Politik, die ungleiche Verteilung von Online-Aufmerksamkeit, prekäre Plattformarbeit, oberflächliche, hochbeschleunigte Informationsflüsse als Teil einer Boulevardkultur auf sozialen Medien“, sagt Fuchs. Aus seiner Sicht braucht es einen radikalen Digitalen Humanismus, der dem eine Vision einer gemeinwohlorientierten digitalen Gesellschaft entgegensetzt.

Ruf nach öffentlich-rechtlichen Sozialen Medien

Bestehende Regulierungen würden laut Fuchs zu wenig greifen und man brauche nicht-kommerzielle Alternativen. „Wir brauchen ein öffentlich-rechtliches Internet als Alternative zum digitalen Kapitalismus und den Digitalgiganten. Beim öffentlich-rechtlichen Internet handelt es sich um Internetplattformen, die von öffentlich-rechtlichen Medien wie dem ORF, der ARD und der BBC gemeinsam betrieben werden. Wir brauchen ein öffentlich-rechtliches YouTube und einen Club 2.0, eine auf Internet und sozialen Medien beruhende neue Version des legendären ORF-Debattenprogrammes Club 2“, so Fuchs.

Fuchs initiierte gemeinsam mit Klaus Unterberger, dem Leiter des Public-Value-Kompetenzzentrum der ORF Generaldirektion, ein Manifest für öffentlich-rechtliche Medien und ein öffentlich-rechtliches Internet. Es verlangt Alternativen zu den Digitalgiganten und wurde bisher von 1.300 Personen unterstützt, drunter Jürgen Habermas. 

Forschungsprojekt zu Geschäftsmodellen digitaler Plattformen

Das Forschungsprojekt „GovMed – Governance of open data and digital platforms“ der FH St. Pölten nimmt die Geschäftsmodelle von digitalen Plattformen genauer in Augenschein. Es untersucht, ob und in welchem Ausmaß eine verstärkte Regulierung notwendig ist, um mögliche negative Wirkungen auf die Wissensallmende und den Zugang zu Informationsgütern abzufangen.

„Die leitende Forschungsfrage ist, welche Freiheiten und welche Verantwortung Unternehmen der digitalen Plattformökonomie haben sollen, wenn man sie als Technologie- und als Medienunternehmen definiert und welche Regulierungsmaßnahmen es von Seiten der Politik braucht. Das übergeordnete Ziel ist die Entwicklung eines Governance-Modells“, erklärt Projektleiter Michael Litschka von der FH St. Pölten.

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