Was ein Social Media-Verbot mit der Lucona-Affäre zu tun hat

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Albert Sachs
In Zeitungen und Magazinen finden sich immer wieder besonders laute Befürworter:innen eines Social Media-Verbots für Jugendliche. Die Verleger freut’s. Die Herausgeber jubeln. Ein Schelm, wer eine Absicht hinter solchen Kommentaren vermutet.

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„Das Social-Media-Verbot findet breite Unterstützung in Europa“, wird Vizekanzler und SP-Medienminister Andreas Babler in jenem offenen Brief zitiert, den die österreichische Bundesregierung an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sandte. Ziel des Schreibens war es, auf europäischer Ebene um Unterstützung für Österreichs geplantes Social Media-Verbot zu werben. Der Brief wurde ausgerechnet am 1. April abgesandt.

„Die Suppe ist dünn“, hätte möglicherweise ein anderer österreichischer Minister geantwortet, der mit diesem Sager berühmt geworden ist. Der ehemaligen, am 8. April dieses Jahres verstorbene FP-Justizminister Harald Ofner hatte diesen Spruch in einer Parlamentsdebatte im Vorfeld des Lucona-Prozesses bzw. der Anklage von Udo Proksch geprägt.

Ganz sicherlich hatte Ofner mit seiner „dünnen Suppe“ damals nicht die Grundlagen zu einem möglichen Social Media-Verbot im Sinn. Er soll hier auch nicht länger als Zeuge für die ebenso dünnen Grundlagen zu einem solchen Verbot angeführt werden. Tatsche ist aber, dass die von Babler hinausposaunte „breite Unterstützung in Europa“ nicht ganz so vielfältig ist, wie vom amtierenden Medienminister propagiert. Auch wenn in Ländern wie Frankreich und Deutschland ein Social Media-Verbot diskutiert wird. Zudem fallen die wissenschaftlichen Grundlagen für eine derartige Einschränkung von Social Media eher überschaubar aus. Viel Umfragen zum Thema tragen den Zusatz „nicht repräsentativ“. Studien weisen einen zu geringen Beobachtungszeitraum auf, um als fundiert eingestuft zu werden. Das liegt auch in der Natur der Sache, Social Media existieren eben noch nicht so lange.

Dennoch ist auffällig, wie oft und gerne solche Umfragen und Studien von Zeitungen und Magazinen zitiert werden, in aktuellen Berichten auftauchen und mitunter auch in Gastkommentare von Expert:innen als Argumentationsgrundlage einfließen. Mag in solchen Fällen nicht wirklich eine gezielte Meinungsmache unterstellt werden, so scheinen derartige Stimmungsbilder den Herausgeber:innen und Verleger:innen doch sehr willkommen.

Social Media gilt nicht nur als die größte Konkurrenz für gedruckte Publikumsmedien, es ist ihre massivste Existenzbedrohung. Die jüngeren Zielgruppen wandern und sind längst in Massen von den großen Printmedien abgewandert, suchen und finden Information und auch Unterhaltung auf Social Media. Diese Einschätzung gilt nicht nur für Printmedien, sondern mit Abstrichen auch für das lineare, also das klassische Fernsehen.

Herkömmliche Leser- und Seher-Bindungsprogramme greifen bei der Jugend nicht mehr, Abo- und Leseraktionen gehen ins Leere. Andere Strategien fehlen weitgehend. Ein Social Media-Verbot käme den Machern klassischer Medien da möglicherweise nicht so ungelegen. Hält es doch, sollte es tatsächlich greifen, nachrückende Publikumsschichten von der tödlichen Konkurrenz fern. Zumindest zeitlich. Denn auf Dauer wird weder ein Social Media-Verbot funktionieren, noch hält es Leser:innen und Seher:innen bei jenen Medien, wie sie die ganze Welt lange Zeit kannte. Doch das Medienuniversum ist beinahe schlagartig größer geworden, regelrecht explodiert. Der Zeitpunkt des Abwanderns von Leserinnen und Lesern, der Media-Change kommt in dieser neuen Gemengelage unausweichlich. Mit medialen Strohhalmen lässt er sich weder aufhalten noch gar umkehren.

Was hat also ein Social Media-Verbot mit der Affäre Lucona zu tun? Nix! Aber undifferenzierte Berichte zu einem solchen werden Zeitungen, werden Tageszeitungen auch nicht retten.

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