© Gabriel Monthaler

Arina Bychkova vom VORLAUT-Kollektiv

Arina Bychkova, VORLAUT: „Wir zeigen unterschiedliche Perspektiven, aber wir geben diskriminierenden Positionen keine Bühne.”

Arina Bychkova ist eine der Gründerinnen des Kollektivs VORLAUT. Im Interview spricht sie darüber, warum sie 2021 das Kollektiv gegründet haben, inwiefern sie dabei unterstützt wurden und verrät auch, wie die weiteren Schritte aussehen werden.

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Ihr habt euch als Gegenentwurf zu klassischen Medien gegründet. Was war der konkrete Auslöser dafür, euer eigenes Medium als acht Frauen zu starten? 

Arina Bychkova: Zum Zeitpunkt unserer Gründung gab es in Österreich kaum mediale Alternativen abseits klassischer Strukturen. Kanäle wie Chefredaktion oder andererseits sind in etwa zeitgleich mit uns entstanden, und auch wenn es mit an.schläge bereits wichtige Vorarbeit gab, fehlte ein feministisches Medium, das sich konsequent journalistisch und inhaltlich auf Social Media konzentrierte. Wir wollten genau dort ansetzen – und vor allem: Journalismus nach unseren eigenen Regeln machen. Ohne Gatekeeping, ohne Anpassungsdruck, ohne das Gefühl, uns erst legitimieren zu müssen. Ein kleiner Fun Fact aus der Anfangszeit: Ursprünglich war tatsächlich auch ein Mann Teil des Teams – er ist nach zwei Tagen wieder ausgestiegen. Ich glaube, ihm war unsere Truppe dann doch etwas zu intensiv. Uns hat vor allem die Erfahrung verbunden, wie schwer es ist, in Medienbranche Fuß zu fassen – insbesondere als Migrantin, Arbeiterinnenkind oder Frau. In bestehenden Medien haben wir uns nicht wiedergefunden. Unser Anspruch war daher von Anfang an klar: Räume schaffen, die wir selbst gebraucht hätten. Inspiriert hat uns dabei auch das deutsche Format funk und das Missy Magazine. Gestartet sind wir mit Talkshows zu feministischen Themen, haben dieses Format aber aufgrund des hohen Produktionsaufwands schnell wieder verworfen und uns auf Instagram und TikTok fokussiert. Unser Ziel war – und ist – Menschen wie uns sichtbar zu machen. Das positive Feedback darauf hat uns von Beginn an den Rücken gestärkt. 

Wie gelingt es euch, aktivistische Inhalte mit journalistischer Glaubwürdigkeit zu verbinden? 

Bychkova: Der „Aktivismus“-Vorwurf ist ein Klassiker für Medien wie VORLAUT. Fakt ist: Wir arbeiten nach journalistischen Standards – mit einer entscheidenden Ausnahme: Wir tun nicht so, als wäre die Welt neutral. Wir wählen unsere Expertinnen und Protagonist:innen bewusst aus marginalisierten Communities und achten darauf, dominante Narrative nicht einfach zu reproduzieren. Gleichzeitig heißt das nicht, dass wir beliebig sind – im Gegenteil: Unsere Inhalte sind sauber recherchiert, mit wissenschaftlichen und journalistischen Quellen belegt und transparent nachvollziehbar. Wir zeigen unterschiedliche Perspektiven, aber wir geben diskriminierenden Positionen keine Bühne. Das ist für uns keine Einschränkung journalistischer Qualität, sondern eine bewusste redaktionelle Entscheidung. Der wichtigste Grundsatz bei VORLAUT ist: Wir berichten nicht über Menschen von oben herab, sondern arbeiten dialogisch. Deshalb würden wir auch sagen: Wir müssen Aktivismus und Journalismus nicht „verbinden“ – wir machen Journalismus. Punkt. 

Was waren die größten Herausforderungen beim Übergang von einem ehrenamtlichen Projekt hin zu einer professionelleren Struktur? 

Bychkova: Genau an diesem Punkt stehen wir aktuell. Und die Rahmenbedingungen sind alles andere als einfach – insbesondere im Lokaljournalismus, der sich ohnehin in einer strukturellen Krise befindet. Wir haben lange versucht, über Förderungen zu arbeiten. Zwei Mal konnten wir eine Starthilfe der Wirtschaftsagentur Wien nutzen, aber diese Mittel sind schnell aufgebraucht – und sie erfordern Vorfinanzierung, die sich nicht jede Redaktion leisten kann. Deshalb haben wir uns dieses Jahr bewusst entschieden, unabhängiger zu werden und ein solidarisches Abo-Modell gestartet. Diese Kampagne war – und ist – extrem ressourcenintensiv, vor allem, weil der Großteil unserer Arbeit weiterhin ehrenamtlich passiert. Die ehrliche Bilanz: Es läuft bisher nicht gut. Die Kampagne geht noch bis 20.05., aber die bisherigen Zahlen bleiben hinter unseren Erwartungen. Gleichzeitig erleben wir immer wieder, wie viel über Pressefreiheit gesprochen wird – gesellschaftlich und medial. Nur spiegelt sich dieser Anspruch bislang kaum in der tatsächlichen Zahlungsbereitschaft wider. Möglicherweise liegt das auch daran, dass unser Publikum selbst oft über begrenzte finanzielle Mittel verfügt. Was wir allerdings geschafft haben: strukturell sind wir längst professionell aufgestellt. Wir haben über fünf Jahre klare Abläufe, Rollen, Contentpläne und umfassende Erfahrung aufgebaut. Was fehlt, ist nicht die Kompetenz – sondern die Finanzierung. 

Wie ist euer Team derzeit aufgestellt? 

Bychkova: Aktuell besteht unser Kernteam aus sechs festen Redaktionsmitgliedern: Muskaan, Luisa, Roxi, Afifa, Neff und ich. Die Honorare, die wir uns die letzten Monate auszahlen konnten, stammten noch aus Restmitteln früherer Förderungen und bezahlten Kooperationen, die wir punktuell machen. Das Geld ist aber nun aufgebraucht. 

Welche langfristigen Ziele habt ihr für VORLAUT und welchen gesellschaftlichen Impact wollt ihr in den nächsten Jahren erreichen? 

Bychkova: Ehrlich gesagt hängt im Moment alles von unserer laufenden Abo-Kampagne ab. Sie entscheidet darüber, ob es VORLAUT in drei Monaten überhaupt noch geben wird. Das ist nicht nur für mich als eine der Gründerininnen frustrierend, sondern auch, weil wir weiterhin viele Anfragen von jungen migrantischen Journalist:innen bekommen, die bei uns mitarbeiten wollen – und die wir aktuell nicht bezahlen können. Sollte die Kampagne erfolgreich sein – konkret: wenn wir die ersten 800 Abos erreichen (derzeit liegen wir bei 55) – dann haben wir klare nächste Schritte: Wir wollen, erstens, uns selbst nicht mehr ausbeuten und fair ausbezahlen, zweitens, stärker in die Tiefe gehen und längere Reportagen produzieren, drittens, mehr junge Journalistinnen einbinden und bezahlen, und, viertens, unsere Stimme im deutschsprachigen Raum weiter ausbauen. Dass das Interesse da ist, haben wir bereits gesehen – etwa durch unsere Teilnahme an der re:publica 2024, bei den Neuen Deutschen Medienmacher*innen oder in Österreich bei re:think media, dem UNESCO Media Roundtable usw. Die Nachfrage nach unseren Perspektiven ist real. Umso bitterer wäre es, wenn genau diese Arbeit aus finanziellen Gründen wegbricht.

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