Aus. Schlicht „Handyverzicht“ lautet der groß angelegte österreichische Schulversuch, bei dem rund 72.000 Jugendliche auf Dauer ihr Smartphone ausschalten. Über drei Wochen (4. bis 24. März 2026) hinweg verzichten sie auf Videos, Chats und den Austausch mit Freudinnen und Freunden. Vermutlich handelt es sich dabei um einen der größten Feldversuche, die jemals durchgeführt wurden. Denn das riesige Experiment wird wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. Das Anton-Proksch-Institut und die Sigmund Freud PrivatUniversität in Wien steuern die wissenschaftliche Expertise bei.
Ganz ohne wissenschaftlichen Flankenschutz sei hier die These gewagt, der massenhafte Handy-Verzicht der Jugendlichen bringt mehr als jedes Social Media-Verbot. Denn, das ist vermutlich das wirkungsvollste Argument, der Versuch findet mitten unter den Jugendlichen und mit ihnen statt, ist bei ihnen Thema, ist ihr Thema. Das Experiment läuft direkt in der vieldiskutierten, den zahlreichen öffentlichen Bekundungen nach offensichtlich von Handysucht befallenen oder zumindest gefährdeten Altersgruppe ab. Es geht mit ihrer aktiven Beteiligung über die Bühne. Schließt sie ein, nicht aus. Es wird in der eigenen Alterskohorte diskutiert, befürwortet, abgelehnt, verflucht, hochgelobt und und und.
Die zu beobachtende Gruppe ist nicht nur passives Objekt einer Analyse, sondern aktiver Teil eben genau jener jungen Menschen, über deren Verhalten und möglichen Ausschluss von Social Media vorwiegend die Erwachsenen debattieren. Es ist Teil ihres Alltags, ihrer Lebenserfahrung, ihrer Selbsterkenntnis, ihres Erwachsenwerdens, ihres Bewusstseinmachens, ihrer digitalen und medialen Sozialisation. Der Entwicklung ihrer eigenen Persönlichkeit.
Die Erfahrungen und Einsichten jeder und jedes Einzelnen bleiben allerdings nicht nur auf deren und dessen eigenes Selbst, die eigene Lebenswelt beschränkt, sondern zieht weite Kreise über dieses unmittelbare Erleben hinaus. Egal, ob jemand vorzeitig aus dem Experiment aussteigt oder tapfer die drei Wochen ohne sein Smartphone übersteht, die persönlichen Erlebnisse werden diskutiert – von der Familie über den Freundeskreis, von der Schule und dem Arbeitsplatz bis hin zu einer breiteren Öffentlichkeit. Ganz abgesehen vom medialen Begleitorchester.
Aus all diesen Faktoren lässt sich schließen, dass die Folgen dieses Feldversuchs nicht nur vielfältig, sondern auch dauerhaft sein werden. Dennoch wird dieses Experiment nicht zum großen Umbruch im Handy-Verhalten, auch nicht bei uns Erwachsenen, führen. Aber es regt Diskussionen und Debatten, möglicherweise auch die eine oder andere Änderung von suchtähnlichen Verhaltensweisen, das Verlassen eingefahrener Bahnen an.
So gesehen bewirkt dieses freiwillige – keine einzige Teilnehmerin, kein einziger Teilnehmer wurde verpflichtet, daran teilzunehmen – Experiment mehr als jede Verbotskeule, die derzeit so gern wie vielfach zu Social Media geschwungen werden. Denn einerseits haben Verbote noch nie wirklich zur Umkehr eines Verhaltens geführt oder gar etwas, das nun einmal existiert, wieder aus der Welt geschafft. Schon überhaupt nicht dauerhaft. Anderseits verstehen wir Erwachsene die Lebenswelt unserer Nachfolgegenerationen, die Begleiterscheinungen und Herausforderungen ihres Alltags immer weniger. Zumal uns die technischen Innovationen, aber auch andere Entwicklungen mit immer kürzer Frequenz überrollen.












