Ich gebe es zu, ich war im Vorfeld ein wenig skeptisch. Was sollte ich von einem Deutschen Marketing Tag 2026 unter dem Motto „Marke Deutschland – Mut. Ideen. Zukunft!” schon halten. Ich erwartete mir von der Fachkonferenz am 17. Februar 2026 in der Finanzmetropole Frankfurt am Main einiges an Selbstreflexion, aber auch zur Schau getragene Unzufriedenheit mit der Gesamtgemengelage in der Medien/Werbe/Marketing-Welt von Deutschland. Stichwort: Abhängigkeit von Big Tech im Westen (USA) und im Fernen Osten (China). Und natürlich ging es auch darum, aber nicht unentwegt. Die gute Nachricht ist, dass das Generalmotto des Deutschen Marketing Tags auch für einen Österreicher spannend war, denn die Herausforderungen der beiden Länder sind trotz der offensichtlichen Unterschiede der beiden Länder was Größe und Relevanz in Europa und in der ganzen Welt anbelangt, durchaus ähnlich gelagert.
Dem vom Bundesverband Marketing Clubs (BVMC), der verbindenden Organisation von mehr als 60 regionalen Marketing Clubs in Deutschland und seinen insgesamt 12.000 Mitgliedern, veranstalteten Deutschen Marketing Tag 2026, ist es mit durchaus mutigen Programmpunkten gelungen, den Finger in die sprichwörtlichen Wunden zu legen. Erfreulich deutlich wurde etwa Steffen Greubel, CEO der METRO AG, in seiner Opening Keynote, der an den Mut im Marketing und an Kampfgeist im Business-Kontext appellierte und eine Reduktion bei den Energiekosten und einen massiven Bürokratieabbau (auch einen Bürokratenabbau) einforderte. Und: „Wir alle gemeinsam müssen jetzt den Arsch hochkriegen.” Das saß.
Mut ist auch aus der Sicht von Marketinglegende Tina Müller (einst bei Opel und heute CEO von Wileda) das entscheidende Momentum. Müllers Formel für dem Umgang mit einer Marke wie Wileda ist einfach und doch spannend: „Man muss 50 Prozent erneuern und 50 Prozent erhalten.“ Und man müsse „die Markenführung nicht für das nächste Quartal oder die kommenden Quartale denken, sondern für die Ewigkeit”.
Ein wichtigen Punkt machte auch Christina Puello, die mitten in den Corona-Wirren das Start-up Deutsche Dienstrad ins Leben gerufen hatte: „Mut heißt auch, Entscheidungen zu treffen – trotz Risiken und trotz Ängsten. Denn die perfekten Rahmenbedingungen werden niemals kommen.“ Für einen Launch, einen Relaunch und jede andere Managementmaßnahme.
Die aufrüttelndste Keynote hatten sich die Veranstalter aber für den späten Nachmittag aufgehoben: Jochen Sengpiehl, einstiger Global CMO von VW, der vier Jahre lang in China gelebt hatte, warnte Deutschland und Europa angesichts der rasanten Geschwindigkeit, mit der Bytedance, Temu und Co unterwegs sind:. „In den kommende Jahren wird 50 Prozent des gesamten Contents aus China vollautomatisiert.“ Und: „Europa versucht zu optimieren. China industrialisiert.“ Seine durchaus radikalen und mit einer gewissen Vehemenz vorgetragenen Kernthesen lauten: „Der klassische Funnel existiert nicht mehr. Alles ist miteinander verbunden. Wir müssen in Ökosystemen denken. Das Silo-Denken der Einzeldisziplinen ist nicht mehr tragfähig” Sengpiehl weiter: „Bei uns hat jede Einheit ihr Budget, ihre Agentur, ihre eigene Welt. Aber das ist nicht mehr praktikabel.“ Für Mediaagenturen hat Sengpiehl übrigens keine gute Nachrichten: „Das Media-Geschäft wird in fünf Jahren zu 60 Prozent inhouse gewandert sein.” Auch für die beim Deutschen Marketing Tag in Frankfurt zahlreich anwesenden CMOs hat der Ex-VW-Marketer keine guten Nachrichten: „Der CMO wird nur dann Vorstand, wenn er businessrelevant ist und wenn er sagen kann: I help you to make more money.“
Fazit: Ärmel aufkrempeln, Herausforderungen annehmen, vorangehen und nicht hinterhertrotten, Neues versuchen und mutig sein!












