Wie wär´s mit einem Social Media-Verbot für Erwachsene?

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Albert Sachs
Aktuell vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendjemand eine Social Media-Verbot für Jugendliche fordert. Dabei erweisen sich viele Erwachsene in den digitalen Kanälen als die wahren Rüpel.

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„Handy-Schule Senioren“ prangt in einem wuchtigen, ovalen Schild über der Wiener Praterstraße. Das Seniorencolleg bietet hier unter dem Titel „Computer‑, Handy- und Tablet-Schule für Seniorinnen & Senioren“ Kurse an. Wer einen solchen absolviert, erhält sogar eine Urkunde. Allerdings steht bei diesem Schulungsangebot die Bedienung der Geräte im Mittelpunkt, um Inhalt, Form und Stil der digitalen Kommunikation geht es kaum.

Die Forderung nach einem Social Media-Verbot für Jugendliche ist derzeit in aller Munde. Beinahe täglich poppt irgendwo und von irgendjemanden ein neuer Appell zu einer derartigen Einschränkung auf. Die Erwachsenen sorgen sich um das Wohlergehen des Nachwuchses. Doch was ist mit ihnen selbst? Finden sich nicht unter ihnen die wahren Rüpel der Onlinewelt, des digitalen Universums? Wäre nicht auch ein Social Media-Verbot für Erwachsene angebracht?

Grundsätzlich sollten wir davon ausgehen, wenn sich Social Media tatsächlich so negative auf die Gesellschaft und ihre Entwicklung auswirkt, wie in der Debatte um ihr Verbot für Jugendliche argumentiert wird, dann wäre auch ein Verbot für Erwachsene angebracht. Zumindest die Diskussion darüber. Doch davon ist weit und breit nichts zu vernehmen.

Eine simple Beobachtung in öffentlichen Verkehrsmitteln, an belebten Plätzen in der Stadt zeigt, es sind vorwiegend Menschen jenseits des Teenageralters, die durch besonders lautes Telefonieren mit dem Smartphone, dem lauten Abspielen von Videos und Games auffallen. Kinder und Jugendliche lärmen eher, weil sie untereinander Schau- und Rangkämpfe austragen, sich gegenseitig und auch gegenüber den Erwachsenen beweisen, auffallen wollen. Und Mädchen kommentieren natürlich die ersten Boyfriends – ab real oder Wunschgestalt.

Ein völlig anderer Aspekt liegt vermutlich darin, dass Erwachsene ganz generell – abgesehen von pubertären Einsteiger:innen beim Rauchen – über ein höheres Suchtpotenzial als junge Menschen verfügen dürften.

Es sind auch überwiegend Erwachsene, die sich in jenen Online-Kanälen, die Jugendliche ohnedies längst nicht mehr nutzen, berserkerhaft verhalten, als Scharfrichter gerieren, andere User:innen unflätig beschimpfen, ihnen völlig fremde Meschen verbal niedermachen und mit massiver Aggression auf die Kommentare Andersgesinnter reagieren. Sie transportieren Fakes und Verschwörungstheorien, spammen uns mit Love Scams und anderem digitalen Müll zu. Während Jugendliche ihre Social Media-Kanäle primär für ihre Unterhaltung nutzen.

Natürlich haben die Erwachsenen eine gewisse Sorgfalts- und Erziehungspflicht gegenüber den nachfolgenden Generationen. Aber in der gesamten Social Media-Debatte ist auch festzustellen, dass Erwachsene Verbot zu etwas fordern, das sie selbst kaum aus eigener Erfahrung kennen, dessen Funktions-und Wirkungsweisen sie in theoretisierenden Dossiers nachlesen müssen. Social Media ist ein Jugendphänomen, das viele Erwachsene ahnungslos zurücklässt. Vielleicht halten sie es deswegen für so gefährlich.

Die Diskussionen nach einem Social Media-Verbot dürfen nicht in erster Linie bei Jugendlichen ansetzen, sondern bei den Anbietern. Gefordert sind auch die Gesetzgeber und ihre Sanktionsmöglichkeiten. Erst wenn diese Optionen wirkungslos verpuffen, scheint ein Verbot gerechtfertigt. Ein solches müsste dann allerdings für alle Altersgruppen bzw. generell für das Hoheitsgebiet eines Staates gelten.

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