Tierische Weihnachtswunder und die KI

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Albert Sachs
Weihnachtszeit ist Wohlfühlzeit. Darum spült uns die KI zahlreiche Videos mit wundersamen Tiergeschichten in unsere Timelines. Herzerwärmend, aber völliger Nonsens. Keinesfalls ein Weihnachtswunder.

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Ist Ihnen auch schon der Adler durchs offene Wohnzimmerfenster zugeflogen? Hat dann einige Minuten lang nervös mit seinen Flügeln geschlagen, um rasch wieder zu verschwinden. Allerdings wartet der König der Lüfte dann so lange, bis sein neuer menschlicher Freund das Haus verlässt und sein Auto startet. Abermals flattert der Adler nervös vor dem Auto hin und her, bis es ihm folgt. Ziel ist eine Basketballkorb, in dessen Netz sich sein Junges verfangen hat und wie ein Gekreuzigter am Holzpflockt hängt, der den Korb trägt. Natürlich greift der Autofahrer beherzt ein und befreit den Jungvogel. Eine herzerwärmende Tiergeschichte. Ein rührendes Weihnachtswunder. KI-generiert.

Dieses und ähnlich Tier-Videos fluten derzeit die diversen Social Media-Kanäle. Mit kleinen, netten Geschichten, die von scheinbar fantastischen Begegnungen erzählen, die nicht nur die natürlichen Grenzen zwischen den Menschen und der Welt der Tiere überwinden, sondern auch zwischen den unterschiedlichsten Tiergattungen für Harmonie sorgen, sogar bei jenen, die sich in der Natur üblicherweise als Fressfeinde gegenüberstehen.

Da rettet ein dicht bemähntes Löwenmännchen ein schneeweißes Lamm aus einem dreckigbraunen, reißenden afrikanischen Fluss. Eine Hirschkuh führt einen Autofahrer ebenso zu seinem in einem Sumpf gefangenen Kitz wie eine Elchkmutter zu dem in einem vereisten See eingebrochenen Jungen. Ein Wolf mit seinem Nachwuchs im Maul flüchtet ebenso vor eine Lawine auf die Veranda eines Chalets wie eine Hirschkuh mit dem Jungen im Schlepptau. All das immer – Oh, Wunder! – von einer Kamera eingefangen.

Katzen- und Hunde-Videos reichen der leichtgläubigen Online-Gemeinde längst nicht mehr. Da muss es schon ein Löwe in einem mitteleuropäischen Garten sein, der einem Kätzchen auflauert und von der mutigen Katzenmutter verjagt wird, oder zumindest ein schneeweißes Lamm inmitten der afrikanischen Steppe. Alles so unwahrrscheinlich wie 100prozentig KI-generiert. Nur, dass bei all diesen Videos jeglicher Hinweis auf die KI als wichtigstes Werkzeug fehlt.

Auf die herzigen Tiergeschichten fallen nicht nur Durchschnitts-User:innen herein, sondern auch so manche Digital-Expert:innen, teilen und kommentieren diese rührseligen Tier-Videos auch noch. Sogar der eine oder andere TV-Sender greift gerne auf die KI-Videos zurück, um es im täglichen Konzert der Horror-Meldungen wenigstens ein bisschen „menscheln“ zu lassen. Auch wenn in den wenigsten Fällen tatsächlich überraschende Begegnungen und tierische Helden hinter den tränendrückenden Geschichten stecken. Human Touch mit KI-Katzen, ‑Hunden und anderem Gefaune.

Was das Ganze soll? Im besten Fall geht es nur darum, Aufmerksamkeit zu erregen, die eigenen Schöpfungskraft ein bisschen walten zu lassen und mit dem Ergebnis den Rest der Welt, zumindest einen kleinen Teil davon, zu beeindrucken. Doch vielfach steckt eine Masche dahinter, um Daten und andere Informationen der User:innen abzugreifen.

Die KI flutet das Internet, spammt uns mit fantastischen Meldungen und unglaublichen Geschichten zu. Ein kleiner, aber ein weiterer der vielen Särgnägel für die Glaubwürdigkeit im Netz. Daher am besten keine Likes, keine Kommentare, nicht teilen und auch nicht weiterleiten. Weihnachtswunder geschehen nicht alle Tage. Das letzte hat sich vor mittlerweile schon mehr als 2000 Jahren ereignet.

In diesem Sinne, frohes Fest!

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