Plötzlich flattern die Geldscheine in einem schier ungebremsten Schauer hernieder und landen in der Dose eines Bettlers. In dieser waren zuvor nur ein paar wenige Münzen gelandet, Passantinnen und Passanten ignorierten den Obdachlosen. Ein höchst mühsames Unterfangen, als blinder Mensch auf diese Art seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.
Doch die wundersame Fügung, ereilt den armen Mann in Form eines Teenagers mit langen, blonden Haaren, verpackt ist der blondde Engel in ein liebliches Ringelstreifenkleid. Nach anfänglich verstohlenen Blicken und einigem Zögern greift die junge Dame beherzt zur Pappe des Bettlers, findet in dessen Rucksack wundersamerweise einen kräftigen Filzstift, um ein paar Worte auf den Karton zu schreiben. Das ändert schlagartig die Spendierlaune der vorbeihastenden Menschen.
Videos dieser Art fluten seit kurzem das Internet, auf social Media entkommt man ihnen ebenso wenig wie in diversen Netzwerken. Neben der englischsprachigen Version mit dem blonden Teenager, die mutmaßlich im Central Park von New York spielt, gibt es auch eine spanischsprachige Version, eine Variante mit cyrillischem Text, neben einem thailändischen Video diverse weitere asiatische Umsetzungen sowie ein mehr als vier Minuten langes Video, das ausschließlich aus Standbildern zusammengesetzt wurde. Ist die KI erst einmal losgelassen, halten keine Dämme mehr.
All diese Spots haben nicht nur die Botschaft „The Power of Words“ gemeinsam, sondern auch die Tatsache, dass sie mittels Künstlicher Intelligenz produziert oder in einigen wenigen Fällen als billiges Real-Video hergestellt wurden. Was allerdings fehlt, sind Hinweise auf die Produzent:innen und die Absender der Botschaft. Und es fehlt ebenso der Verweis auf eine der ganz großen Figuren der internationalen Werbewirtschaft.
David Ogilvy hatte in seinem 1983 im Original erschienen Buch „Ogilvy on Advertising”, die deutsche Ausgabe „David Ogilvy über Werbung” folgte 1984, von einem blinden Bettler geschrieben, der vor dem Agentur-Hochhaus in New York saß und auf dessen Pappe zu lesen war „I´m blind, please help!“. Eines Tages soll Ogilvy den Text in „Es ist Frühling, aber ich kann es nicht sehen.“ geändert haben, was die Box des Obdachlosen deutlich besser füllte als dessen schlichter Appell. Der Altmeister der Werbung wollte mit dieser Anekdote die Wirksamkeit eines guten Textes veranschaulichen.
In den frühen 2000er-Jahren veröffentlicht dann die britische Hilfsorganisation Purple Feather tatsächlich ein Commercial, das die Ogilvy-Erzählung filmisch inszenierte. Bis auf eine Parodie, die einige Zeit später folgte, und einen dänisch-maltesischen, EU-geförderten Spot von Werbestudent:innen war dann Ruhe. Bis die KI kam. Irgendwer hatte irgendwo die alte Ogilvy-Storie entdeckt und damit war die Flut der neuen „Power of Words“-Versionen losgetreten. Dank der KI ließ sich nicht nur problemlos ein tränentreibendes Video produzieren, sondern auch noch die eigene Kreativität und das ganz persönlich soziale Engagement demonstrieren.
Und David Ogilvy? Ach, bestenfalls ein alter Mann aus einer längst vergangenen Zeit. Irgend so ein Onkel aus den frühen Tagen der klassischen Werbung. Längst vergessen.
Die KI macht eben auch herz- und hirnlos. Gedankenlos gegenüber einer der größten Persönlichkeiten der Werbung. Im Dienst der guten Sache ist das Klauen scheinbar erlaubt. Das Sich-schmücken-mit-fremden-Federn. Quellen sind egal. Vorgänger, mögen deren Namen noch so branchenprägend sein, völlig bedeutungslos.
Respektlos.











