Gastkommentar: Werbung in ChatGPT – Warum Werbung für OpenAI Chance und Risiko zugleich ist

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Verena Gründel
OpenAI öffnet ChatGPT für Werbung und damit einen der sensibelsten Räume der digitalen Kommunikation. Für Marken entsteht ein hochattraktiver Kontaktpunkt. Für OpenAI beginnt ein Spagat zwischen Erlösdruck und Glaubwürdigkeit. Mehr von Verena Gründel (DMEXCO).

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Lange Zeit galt ChatGPT als Ausnahmeerscheinung im Plattformökosystem. Während sich nahezu jede große Digitalplattform früher oder später der Logik der Monetarisierung unterwarf, blieb der KI-Chat frei von Werbung. OpenAI-CEO Sam Altman bezeichnete Werbung öffentlich als etwas, das er „hasse“. In Kombination mit KI sei sie sogar „besonders beunruhigend“.

Doch auch Überzeugungen stoßen an wirtschaftliche Grenzen. Anfang des Jahres kündigte OpenAI an, künftig Werbung direkt in ChatGPT zu integrieren. Es ist ein Schritt mit Signalwirkung und mit Folgen, die weit über klassische Mediafragen hinausgehen.

Ein teures Produkt mit begrenzten Erlösen

Ökonomisch ist der Kurswechsel leicht zu erklären. Training, Betrieb und Weiterentwicklung generativer KI kosten Milliarden. Analysten gehen davon aus, dass OpenAI allein im Jahr 2026 Verluste von rund 14 Milliarden US-Dollar schreiben wird. Bis 2029 könnten sich die kumulierten Ausgaben auf über 100 Milliarden US-Dollar summieren. Ein positiver Cashflow wird frühestens für 2029 oder 2030 erwartet.

Gleichzeitig ist das Geschäftsmodell bislang stark einseitig. Zwar zählt ChatGPT weltweit knapp eine Milliarde aktive Nutzer:innen, doch rund 90 Prozent davon nutzen ausschließlich die kostenlose Version. Zusätzliche Erlösquellen sind also keine Option, sondern eine Notwendigkeit.

Werbung scheint dafür der naheliegende Hebel. Kurzfristig wird sie das finanzielle Problem allerdings nicht lösen. Analysten wie Evercore ISI sprechen von möglichen Werbeerlösen in Höhe von bis zu 25 Milliarden US-Dollar pro Jahr – allerdings erst gegen Ende des Jahrzehnts.

Bemerkenswert ist dabei die Preislogik: Medienberichten zufolge plant OpenAI mit Tausenderkontaktpreisen von rund 60 US-Dollar. Ein Premium-Niveau, deutlich oberhalb klassischer Social-Plattformen – bei gleichzeitig begrenzten Möglichkeiten zur Messung, Steuerung und Attribution. Abgerechnet werden soll zunächst rein auf Basis von Impressions.

Warum ChatGPT für Werbung so attraktiv ist

Trotzdem: Für Werbetreibende ist ChatGPT ein hochspannendes Umfeld. Denn hier treffen Reichweite und Relevanz in einer Form aufeinander, die es bislang kaum gab. Nutzer:innen kommen nicht zum Konsum. Sie formulieren Fragen, beschreiben Probleme, planen Entscheidungen – und liefern dabei freiwillig tiefe Einblicke in ihre Bedürfnisse.

Werbung in diesem Kontext ist nicht zwangsläufig störend. Im besten Fall wirkt sie wie ein hilfreicher Hinweis zur richtigen Zeit. Besonders für erklärungsbedürftige Produkte, komplexe Services oder B2B-Angebote eröffnet das neue Möglichkeiten. ChatGPT könnte zu einem Medium werden, das die Skalierung eines Massenkanals mit der Präzision von Intent-Signalen verbindet.

Für den österreichischen Werbemarkt kommt die Entwicklung zu einem interessanten Zeitpunkt. Viele Advertiser bewegen sich aktuell zwischen steigender Komplexität im Plattformgeschäft, wachsender Skepsis gegenüber klassischen Social-Kanälen und dem Wunsch nach stärkerer Effizienz im Mediamix. ChatGPT adressiert genau diese Schnittstelle: Reichweite, Kontext und Nutzerintention fallen hier erstmals in einem Interface zusammen.

Gerade in einem vergleichsweise kleinen Markt wie Österreich kann das attraktiv sein. Begrenzte Budgets erhöhen den Druck, Streuverluste zu minimieren und Touchpoints präziser auszuwählen. Werbung in einem dialogischen Umfeld verspricht Relevanz statt bloßer Sichtbarkeit.

Genau darin liegt aber auch die Gefahr. Denn Werbung im Dialog entzieht sich den gewohnten Abwehrmechanismen. Sie lässt sich nicht wegscrollen, nicht überspringen und nicht ausblenden. Sie ist Teil eines Gesprächs – und damit automatisch näher, persönlicher und wirkungsvoller. Jeder Fehltritt wirkt hier unmittelbarer als in klassischen Werbeumfeldern.

Wenn Monetarisierung Vertrauen angreift

Plattformen bewegen sich bei zunehmender Monetarisierung oft entlang eines bekannten Musters. Der Tech-Kritiker Cory Doctorow beschreibt diesen Prozess als „Enshittification“ – den schrittweisen Qualitätsverfall digitaler Dienste. Zunächst stehen die Nutzer:innen im Mittelpunkt, dann die Werbekunden, schließlich die Renditeerwartungen der Investoren. Am Ende verlieren alle.

Für ChatGPT ist dieses Risiko besonders ausgeprägt. Denn der zentrale Wert des Produkts ist Vertrauen. Nutzer:innen erwarten neutrale, hilfreiche Antworten. Schon der Verdacht, dass Inhalte durch zahlende Partner beeinflusst sein könnten, verändert das Verhältnis zur Maschine – selbst dann, wenn Werbung formal gekennzeichnet ist.

Das unterscheidet ChatGPT fundamental von klassischen Plattformen. Ein Feed verzeiht Monetarisierung. Ein Dialog tut das nicht. Deshalb tut sich selbst Meta bis heute schwer, Werbung konsequent in WhatsApp zu integrieren. Gespräche folgen anderen sozialen Regeln als Medienformate.

Ein strategischer Testfall für KI-Plattformen

ChatGPT befindet sich aktuell an einem Wendepunkt. Der Schritt in Richtung Werbung markiert den Übergang von der nutzerzentrierten Aufbauphase zur systematischen Monetarisierung. Damit wird ChatGPT zum Testfall für eine größere Frage: Können KI-Plattformen wirtschaftlich skalieren, ohne das Vertrauen zu beschädigen, auf dem ihr Erfolg beruht?

Die Antwort darauf ist offen. Klar ist nur: Wenn Werbung Teil des Gesprächs wird, verändert sich nicht nur ein Geschäftsmodell. Es verändert sich die Beziehung zwischen Mensch, Technologie und Marke. Und genau darin liegt die eigentliche Tragweite dieses Kurswechsels.

Verena Gründel ist offizielle Gastgeberin und Director Brand & Communications der DMEXCO. Sie verantwortet die strategische Weiterentwicklung Europas führender Digitalmarketing-Messe sowie deren Positionierung in Deutschland und international. Zuvor war sie Chefredakteurin von W&V und prägt seit vielen Jahren die Debatte rund um digitales Marketing, Media und Tech mit. Das Wirtschaftsmagazin Strive zählt sie zu den 100 einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft 2025.

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