Die Ankeruhr in 3600 NFTs

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Albert Sachs
Die Wiener Ankeruhr wird als digitale Schnipsel verkauft. Nicht mehr als ein Gag in einem ziemlich abgekühlten Markt.

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Die gute Nachricht zuerst: NFTs gibt es noch. Auch wenn der Hype um die Non-Fungible Tokens längst abgeklungen ist, sind die NFTs noch nicht für immer und ewig im digitalen Orkus versunken. Einige wenige haben überlebt. In irgendeiner Form.

Eine dieser noch immer vernehmbaren Zuckungen im NFT-(Kunst-)Markt erfolgte kürzlich in Österreich. Das Wiener Unternehmen eXpertcode hat die Ankeruhr am Hohen Markt, genauer gesagt deren Verlauf von 11.00 bis 11.59 Uhr in Datenpakete verwandelt. In dieser Stunde wandern Figuren Maria Theresias und ihres Gatten Franz I. Stephan von Lothringen über das überdimensionale Zifferblatt der Freilichtuhr. Die Ankeruhr-NFTs wurden verkauft: 3.600 Stück für je 99 Euro. Mit Echtheitszertifikat.

Wobei sich die Ankeruhr-Digitalisierer sogar noch den einen oder anderen Gag einfallen ließen. Beispielsweise wurden die NFTs in Gold‑, Silber- und Bronze-Karten aufgelegt, die nach ihrer Stückzahl – 60 mal Gold bzw. je 1 Stück pro Minute, 540 Exemplare in Silber bzw. je neun pro Minute und 3.000 Tokens in Bronze bzw. jeweils 50 pro Minute – gestaffelt sind. Allerdings wiesen alle den gleichen Verkaufswert auf. Beim Drop am 16. Oktober wurden die per Zufall zugeteilten NFTs an die Käuferinnen und Käufer ausgegeben. Sie können zudem eine exklusive Führung durch das Innere der vom Jugendstilmaler Franz Matsch 1914 gestaltet Uhr am Hohen Markt in Anspruch nehmen. Und alle NFT-BesitzerInnen erhalten einen ebenso „exklusiven” Zugang zum Onlineshop von Ankeruhr-Souvenirs. Dieser bietet u.a. ein Schneekugel mit Ankeruhr oder einen 3D-Druck Maria Theresias und Kaiser Franz I.

Zugegeben, 99 Euro sind kein Investment, das sich nur einige wenige leisten können. Es stellt sich sogar die Frage, ob der mit allen Ankeruhr-NFTs erzielt Verkaufspreis von 356.400 Euro für eXpertcode auf Dauer ein Geschäft ist. Oder doch nur ein Gag, um auf das Unternehmen aufmerksam zu machen?

Gerade im Kunst- und Kultur-Sektor ist der zuerst von Gier dominierte NFT-Markt dramatisch ein‑, wenn nicht sogar zusammengebrochen. Einst populäre und daher auch teure NFTs wie jene des Comicaffen im Bored Ape Yacht Club oder CryptoPunk sind heute mitunter nicht einmal mehr ein Zehntel ihres früheren Verkaufspreises wert. Von „Everdays“ des Künstlers Beeple, das im März 2021 für 69,3 Millionen US-Dollar versteigert wurde und seither als teuerstes NFT-Kunstwerk gilt, spricht kaum noch wer. Im September dieses Jahres veröffentlichte Dapp Gambl, ein Zusammenschluss von Blockchain-Experten, eine Studie wonach rund 95 Prozent der analysierten 73.257 NFT-Kunstsammlungen mittlerweile als wertlos gelten.

Dennoch bieten NFTs verschiedenen Berufsgruppen nach wie vor Möglichkeiten zum Experimentieren und spielerischen Ausprobieren, aber auf dem Kunstmarkt sorgen sie eher für Stillstand. Auch in der Wirtschaft gibt es sinnvolle NFT-Anwendungen, doch haben diese nichts mit dem ehemaligen NFT-Hype zu tun.

Auf die Euphorie folgte längst Ernüchterung. In manchen Segmenten, die als NFT-Hoffnungsmarkt mit großen Wachstumschancen galten wie beispielswiese Online-Spiele, gesellen sich zum Realismus mittlerweile immer mehr Hürden. Facebook und Instagram haben beschlossen, die Unterstützung für NFTs einzustellen. Microsoft hat sogar verboten, von „Minecraft” NFTs zu verkaufen, egal in welcher Form und mit welchen Inhalten auch immer. Der Software-Gigant spricht in Zusammenhang mit NFTs sogar von „Geldmacherei“ und „Wucherei“.

NFTs sind nicht tot. Aber der Markt, in dem sich noch immer viele Glücksritter tummeln, durchläuft derzeit eine Nachdenk- und Reifephase. Möglicherweise auch ein Signal, das darauf hindeutet, wie sich aus dem spekulativen Hype ein funktionierendes und nachhaltiges Ökosystem, das auf einer innovativen Technik basiert, entwickelt.

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