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Bis zu einem gewissen Grad hat man bei Gruner + Jahr den digitalen Zug verpasst

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Maximilian Mondel
Der Bertelsmann- und RTL-Deutschland-Chef Thomas Rabe streicht bei Gruner + Jahr 700 von 1.900 Stellen. 23 Zeitschriftentitel werden eingestellt oder verkauft. Schade, dass es so weit gekommen ist.

Nach dem Zusammenschluss der RTL-Gruppe (TV) und dem Printverlag Gruner + Jahr unter dem Dach von Bertelsmann waren schnell Gerüchte über ein Ausdünnen bei den Printtiteln von G+J laut geworden. Zwischenzeitlich ging man sogar von einem jähen Ende für Print-Schlachtschiffe wie „Stern” und „Geo” aus. Letztendlich betrifft der Kahlschlag aber vor allem Line Extensions oder neuere Printtitel. 

Konkret sieht es beim stolzen, großen Verlagshaus Gruner + Jahr mit der Top-Adresse mit Blick auf die Hamburger Landungsbrücken so aus: Die Erfolgstitel wie „Stern“, „Geo“, „Capital“, „Brigitte“, „Gala“, „Schöner Wohnen“ und weitere, die rund 70 Prozent des Umsatzes ausmachen, bleiben erhalten. Line Extensions wie„Geo Epoche“, „Geo Wissen“, „Brigitte Woman“, „View“, aber auch feine Innovationen wie „Barbara” (Barbara Schöneberger), „Guido” (Guido Maria Kretschmer), „Business Punk“, „Art“, Beef!“ und „Salon“ sowie Klassiker wie „P.M.“ müssen dran glauben – entweder werden sie überhaupt eingestellt oder an den Bestbietenden veräußert. Satte 700 Stellen sollen abgegebaut werden. Das ist bei einer Gesamtbelegschaft von 1.900 Mitarbeitern eine ganze Menge.

Der nun angekündigte Schritt ist ein tiefer Einschnitt in den Print-Sektor in Deutschland. Thomas Rabe, Bertelsmann- und RTL-Deutschland-Chef erklärte die Notwendigkeit dafür so: „2022 lag das Ergebnis nach allen Abzügen bei 1 Million Euro. Aufgrund der Marktentwicklung bei Anzeigen und Vertrieb, aber auch durch Kostensteigerungen von Papier und Energie wäre Gruner + Jahr ohne Maßnahmen in diesem Jahr im EBITA zweistellig negativ.“

Corona-Krise, Ukraine-Krieg, Teuerungswelle, aber auch der Interessenswandel der Konsumenten von Print in Richtung Online sind wohl letzten Endes für das Aus für eine ganze Reihe von tollen Printtiteln verantwortlich. Die Gewerkschaft Ver.di kommentiert den Wirkungsschlag für einen der ganz großen Publikumsverlage in Deutschland folgendermaßen: „Aus Unfähigkeit, ein profitables und europaweit beachtetes Zeitschriften-Haus in die digitale Transformation zu führen,” werde nun ein Verlagshaus zerschlagen, dass viele Jahre satte Umsätze und ebensolche Gewinne eingefahren hat. Das klingt natürlich hart, ist aber im Kern wohl nicht ganz falsch, denn an den Inhalten und an der cleveren Ausdifferenzierung des Portfolios wird es nicht gelegen haben – dann schon eher an der mässig erfolgreichen Überführung ins digitale Zeitalter. 

Unternehmensgröße bedeutet halt immer auch bis zu einem gewissen Grad, dass man nicht besondern manövrierfähig ist. An der nicht vorhandenden Zeit kann es jedenfalls nicht gelegen haben, denn ein Blick auf die demographische Entwicklung und eine Analyse der teils dramatischen Veränderungen in der Mediennutzung muss den Verantwortlichen schon vor zehn Jahren verdeutlicht haben, wohin die Reise geht und dass man nicht nur kosmetisch, sondern tiefgreifend darauf reagieren muss. Aber manchmal will man das Offensichtliche eben nicht wahrhaben. Bis es dann zu spät ist und der Rotstift das einzig richtige Management-Tool bleibt. Schade.

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